Warum die systemische Sicht in Transformationsprozessen entscheidend ist
- Stefanie Richter

- 28. Apr. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Juni 2025
12 Monate Transformationen | Monat 3 - Die systemische Sicht

Wenn Unternehmen sich auf den Weg der Transformation machen, ist oft viel von Zielbildern, agilen Methoden und „Change Readiness“ die Rede. Was dabei häufig übersehen wird: die Wirkung des Systems als Ganzes. Dabei ist genau das der Schlüssel für nachhaltige Veränderung – sagt Elena Schmidt, Beraterin und Coachin. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, warum es in Transformationsprozessen nicht reicht, an einzelnen Stellschrauben zu drehen.
Organisationen sind Systeme – und Systeme reagieren
„Wenn wir über Organisationen sprechen, müssen wir über Systeme sprechen“, sagt Elena gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Denn Organisationen bestehen nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Regeln, Prozessen, Strukturen – alles in Wechselwirkung miteinander. Kein Element ist unabhängig vom anderen. Wer also an einem Punkt ansetzt, verändert automatisch auch etwas an anderer Stelle – ob gewollt oder nicht.
Ein Beispiel aus Elenas Praxis: In einem Bereich wurde agiles Arbeiten eingeführt – die angrenzenden Abteilungen arbeiteten jedoch weiterhin klassisch, mit Wasserfall-Logiken und völlig anderen Erwartungshaltungen. Die Folge: Reibung, Unverständnis, Störungen an den Schnittstellen. „Niemand ist eine Insel“, sagt Elena. Veränderung braucht deshalb den Blick über die eigene Zuständigkeit hinaus – und das Verständnis dafür, dass das System in der Regel auf Stabilität ausgerichtet ist. Veränderung führt oftmals zunächst zu Reaktanz.
Systemisch denken heißt: das große Ganze im Blick behalten
Systemisches Denken heißt nicht nur: Probleme anders sehen. Es heißt:
Verantwortung anders denken. Weg vom Silo, hin zum Gesamtbild. Führung spielt dabei eine zentrale Rolle. Elena formuliert es so: „Führungskräfte müssen lernen, sich vom reinen Fokus auf den eigenen Verantwortungsbereich zu lösen. Sie müssen vernetzt und unternehmerisch denken – mit Blick auf das ganze System.“

Das bedeutet auch, bewusst mit Wechselwirkungen umzugehen: Wenn ich hier etwas verändere – wen betrifft das noch? Wer müsste mit einbezogen werden? Welche Dynamiken lösen wir möglicherweise aus? Dieses Denken sei nicht nur komplexer, sagt Elena, sondern auch nachhaltiger. Denn Transformationen scheitern selten an mangelnder Strategie – sondern am mangelnden Einbezug des Gesamtsystems.
Transformation ist kein Ziel – sondern ein Weg
Oft wird Transformation mit einem Zielbild gleichgesetzt. Die Zukunftsorganisation wird am Reißbrett entworfen, und dann soll die Organisation sich dorthin entwickeln. Ein linearer Plan, der selten aufgeht. Denn Realität ist: Die Zukunft ist unklar. Märkte, Kunden, Technologien – alles verändert sich ständig. Das bedeutet: Transformation muss iterativ gedacht werden.

„Es geht weniger darum, heute schon das perfekte Zielbild zu haben. Viel wichtiger ist, mit der richtigen Haltung und den passenden Methoden in den Prozess zu gehen – und sich auf den Weg zu machen.“ Tools wie der Loop Approach zeigen, wie man Organisationen Schritt für Schritt weiterentwickeln kann. Elena sagt: „Man braucht ein gemeinsames Verständnis, wie man zusammenarbeitet – und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen.“ Das ist das eigentliche Fundament gelingender Transformation.
Fix the system – not the women
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus Elenas Arbeit beginnt – scheinbar – ganz klassisch: Ein Unternehmen bittet sie um ein Coaching für eine weibliche Führungskraft, die mit Herausforderungen zu kämpfen hat. Was als individuelles Coaching beginnt, weitet sich schnell auf die Systemebene aus: „Diese Frau agiert nicht im luftleeren Raum. Sie ist Teil eines Systems – und dieses System erschwert ihr Führung.“
Die Analyse in diesem Beispiel zeigt: männlich dominierte Führungsteams, informelle Ausschlüsse, fehlende Reflexion über gelebte Machtstrukturen. Das Coaching wird ergänzt durch Workshops mit dem Führungsteam – um Zusammenarbeit, Haltung und Muster in den Blick zu nehmen. Der Effekt: nachhaltige Veränderung. Nicht nur für die eine Frau, sondern für das gesamte Unternehmen.
„Die zentrale Erkenntnis: Es liegt nicht primär an ihr. Sondern am System. Und genau das muss verändert werden.“
Wie systemisches Denken im Alltag gelingt
Elena beschreibt konkrete Schritte, wie Führungsteams systemische Perspektiven stärken können:
Ein gemeinsames Big Picture entwickeln: Wer agiert wo mit wem? Welche Abhängigkeiten bestehen? Wo sind Spannungen?
Regelmäßig auf die Metaebene gehen: Sich bewusst Zeit nehmen, um die Systemperspektive zu pflegen – z. B. in Offsites oder strategischen Check-ins.
Systemisches Denken in den Alltag integrieren: Immer wieder fragen: Was verändern wir gerade und wozu? Was wirkt noch mit? Wie arbeiten wir gerade zusammen? Wer muss mitgedacht werden?
Diese Reflexionsschleifen helfen, aufmerksam zu bleiben, Muster zu erkennen, aus Fehlern und Erfolgen zu lernen und echte Transformation zu ermöglichen.
Fazit
Was Elena deutlich macht: Transformation ist keine technokratische Disziplin. Es geht nicht darum, Blaupausen umzusetzen. Es geht um Haltung, Beziehung, Kontext. Und um die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wer Organisationen verändern will, muss Systeme verstehen. Und gestalten.
Über Elena
Elena Schmidt ist studierte Betriebswirtin und verfügt über mehr als 13 Jahre Erfahrung als Führungskraft in der digitalen Transformation von Marketing und Vertrieb. Sie hat in internationalen Kontexten strategische Programme geleitet und Organisationen aufgebaut sowie weiterentwickelt. Ihre Expertise erstreckt sich auf die Führung interdisziplinärer Teams und die Umsetzung globaler Initiativen. Als zertifizierte Coachin unterstützt sie Frauen dabei, ihre individuellen Visionen zu entwickeln und Führungsrollen souverän auszufüllen. Unternehmen begleitet sie in Transformationsprozessen mit einem besonderen Fokus auf Diversität in Führungsteams. Elena verbindet ihre Führungserfahrung mit fundiertem Coachingwissen und Methoden wie Design Thinking, agilem Arbeiten und Geschäftsmodellentwicklung.





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